Englische Schule Gatow

Das gab’s nur einmal: Englische Schule in Gatow

20 Jahre Zusammenarbeit (1963 bis 1983) mit der Havel School

Das war etwas ganz Besonderes (auch für Berlin): Deutsche Kinder besuchen die englische Schule auf dem Flugplatz Gatow. Sven Dabbert erinnert sich.

Die Grundschule am Windmühlenberg, die ich selbst sechs Jahre besuchen durfte, war schon aufgrund ihrer Lage immer etwas Besonderes. Viele Projekte, Veranstaltungen und Feste bietet die Schule ihren Schülern und deren Eltern. Eines der außergewöhnlichsten Projekte war sicherlich die 20jährige Zusammenarbeit mit der englischen Havel – Middle School auf dem Flugplatz Gatow.

Die Havel – Middle School war eine Schule für ca. 600 Kinder in Berlin stationierter englischer Soldaten. Sie befand sich auf dem damals alliierten Flugplatz Gatow unweit der Haupteinfahrt.

Im Juni 1963 nahm die damalige Rektorin ,Fau Krüger, Kontakt zur Leitung der englischen Schule auf. Aus diesem Kontakt entwickelten sich wechselseitige Einladungen zu Feiern, Konzerten oder sportlichen Wettkämpfen. Aus den sechsten Klassen nahmen je sechs ausgewählte Schüler an einem stundenweisen Austausch im Englisch- und Deutschunterricht teil. Im Frühjahr 1967 wurde ein englisch- deutscher Musikabend organisiert, der in der Aula der englischen Schule viele Zuschauer begeisterte.

Aus diesen sporadischen Aktivitäten entwickelten die Schulleiter in Zusammenarbeit mit dem Spandauer Schulamt und den alliierten Behörden die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für das “ Deutsch – Englische Projekt” mit dem Ziel einer besseren Verständigung zwischen Briten und Deutschen.

Von April 1968 an sollte die dritte Klasse der Gatower Grundschule für zunächst ein Jahr an der englischen Schule auf dem Flugplatzgelände unterrichtet werden. Nach dem erfolgreichen Durchlauf der dritten Klasse einigte man sich darauf, dass von 1969 an zwei deutsche Klassen ( zunächst der dritte und vierte Jahrgang, ab Mitte der siebziger Jahre die 4. und 5. Klasse ) an der Havel – School unterrichtet werden sollten. Die Elternschaft und das Lehrerkollegium standen diesem Experiment wohlwollend und engagiert gegenüber.

Im Jahr 1978 begannen meine persönlichen Erfahrungen mit der “ Englischen Schule “, wie wir sie nannten. Im Sommer dieses Jahres warteten wir sehr gespannt auf den Start der vierten Klasse. In diesem Schuljahr sollten wir die Räume unserer kleinen Dorfschule verlassen und zum Unterricht auf den Flugplatz Gatow ziehen. Am ersten Schultag prasselten die neuen Eindrücke nur so auf uns nieder und wir bemerkten schnell, dass der Schulalltag ein anderer war, obwohl der Rahmenplan bis auf einige Ausnahmen gleich blieb. In unsere grauen Schuluniformen geschlüpft, mussten wir nur vor die Haustür treten, um zur Schule zu gelangen.

Englische Armeebusse holten jeden von uns an Sammelplätzen in der Nähe unserer Wohnung ab und brachten uns nachmittags wieder zurück.  Dieser Service war kostenlos.

Die Schule begann täglich um 9.00 Uhr mit einer Morgenandacht  (assembly ) für alle Schüler und endete um 15.30 Uhr. Bis zur einstündigen Mittagspause unterrichtete uns unser Klassenlehrer, Herr Gollasch, in den Hauptfächern. Am Nachmittag standen Fächer wie Musik, Kunst, Sport oder Englisch, z.T. unterrichtet durch einen englischen  Lehrer ( native Speaker ), auf dem Programm.Der Sportunterricht machte uns besonders Spaß, da wir sowohl Halle und Sportplatz, als auch die große Schwimmhalle nutzen durften.

Das Mittagessen nahmen wir gemeinsam mit den englischen Schülern in einer großen Schulkantine ein, wobei unsere Geschmacksnerven auf manch harte Probe gestellt wurden, allein das Gulasch mit Rosinen ist mir bis heute in Erinnerung geblieben.

Das Essen wurde von unseren Eltern bezahlt, das Schulamt leistete einen Zuschuss.

Im Schulalltag waren die Beförderung mit den Bussen, der normale Unterricht in neuer Umgebung und die ausgedehnten Sport- und Schwimmstunden weniger gewöhnungsbedürftig als die gemeinsamen Pausen oder assemblies mit den englischen Schülern und Lehrern.

Der autoritäre Ton der Lehrer, vor allem bei den assemblies, war für uns etwas Neues.

Wir lernten schnell, dass man bei einer assembly besser keinen Pieps von sich gab.

Insbesondere der stellvertretende Schulleiter, Mr. Eals, war gefürchtet. Mussten wir zur verbalen Ermahnung in sein Büro, zitterten uns die Knie; für die englischen Schüler lag immer ein Rohrstock bereit.

Auf den Pausen kamen wir uns anfangs gegenüber 600 englischen Schülerinnen aller Altersstufen ziemlich verloren vor, auch weil unsere Englischkenntnisse für eine vernünftige Kommunikation nicht ausreichten. Die ersten Worte, die wir von den englischen Mitschülern lernten, waren zum großen Teil Schimpfworte.

Nach einer längeren Eingewöhnungszeit knüpften wir auch – vor allem durch gemeinsame Spiele (z.B. Fußball) – einzelne Freundschaften zu  gleichaltrigen Engländern, die uns den Pausenalltag erleichterten.

Ein angenehmer Nebeneffekt dieser zwei Jahre auf der Havel School war, dass wir innerhalb der Klasse enger zusammenrückten und am Ende eine wirklich tolle Klassengemeinschaft waren.Und im Fach Englisch hatten wir später auf der Oberschule kaum Probleme.

Rückblickend kann ich nur sagen, dass es zwei interessante und spannende Jahre waren. Die kleinen sprachlichen und zwischenmenschlichen Probleme anzugehen und zu bewältigen war eine Erfahrung, die uns geprägt hat. Treffe ich heute Klassenkameradinnen von damals, so kommen wir garantiert irgendwann auf  die Zeit an der englischen Schule zu sprechen.

Natürlich gab es trotz aller entstandenen Freundschaften hin und wieder Probleme zwischen englischen und deutschen Lehrern. Zum Beispiel entsprachen die Disziplin der deutschen Schüler oder auch die Englischkenntnisse der Gatower Lehrer nicht immer den Vorstellungen der englischen Kollegen. Auftretende Probleme wurden in regelmäßigen Sitzungen zwischen den Schulleitern versucht zu lösen.

Eine kontinuierliche Zusammenarbeit wurde aber dadurch erschwert, dass die englischen Lehrer alle 3 bis 6 Jahre zurück auf die Insel wechselten.

So kam leider das Ende der Zusammenarbeit näher.

Anfang der achtziger Jahre unterrichteten noch Frau Baring und Herr Stremlau ihre Klasse an der Havel School.Im Schuljahr 1982/83 verbrachte dort die fünfte Klasse von Frau Gamrath ihr letztes Schuljahr. Aus Platzgründen wurde diese Klasse in einem Dachraum untergebracht, wo sie keinen Kontakt mehr zu den englischen Parallelklassen hatte.Der gemeinsame Unterricht in Sport und Kunst wurde aufgrund von Personalmangelauch nicht mehr durchgeführt.

So verwunderte es nicht, dass die englische Schulleitung am Ende dieses  Schuljahres die Zusammenarbeit aufkündigte. Als Grund wurde vom Schulleiter der Havel School Platzmangel genannt. Eine zwanzigjährige Zusammenarbeit war damit leider beendet.

Die Hoffnung einiger Gatower Lehrer auf Wiederbelebung erübrigte sich in den neunziger Jahren durch den Abzug der Briten.

Ein außergewöhnliches Projekt war endgültig Geschichte geworden.

Sven Dabbert